Tilman Haberer, Kirche am Ende

“Das Christentum von morgen zieht keine Steuern ein.”

So lautet die Überschrift des ersten Kapitels im Buch von Tilman Haberer.

Haberer sagt zu Beginn, daß er sich nicht mit Kirchenkritik aufhalten will, weil für ihn die Diagnose klar ist.

 

“Kirche am Ende – ein harter Satz. Aber eine notwendige Einsicht. Mittlerweile wird diese von immer mehr Menschen geteilt, auch von Menschen in leitender Funktion in der Kirche. Einer sagte: “Ich gebe der katholischen Kirche in ihrer jetzigen Form noch fünf Jahre,.. maximal zehn Jahre, dann kollabiert dieses System. Ein anderer konstatiert: »Wir hatten ja lange die Rolle der alten Erbtante inne, die zwar keiner mehr so recht ernst nimmt, die aber bei bestimmten familiären Anlässen immer noch dabei sein darf und dann halb höflich, halb widerwillig respektiert wird. Selbst das ist mittlerweile vorbei.« Nicht nur die immer mehr zunehmende Zahl der Kirchenaustritte spricht eine deutliche Sprache, es gibt auch kaum noch theologischen Nachwuchs. Selbst wenn es viele noch nicht glauben können oder es nicht hören wollen. Die Kirche ist am Ende.”

Das kann man so sehen aber solange es eine staatliche Verstrickung gibt und Kirche jenseits der Religion auch als Teil des Sozialstaates gilt, könnte es auch sein, daß die Transformationsprozesse länger dauern. Richtig ist aber, es wird wohl nicht so weitergehen, wenn es so weitergeht.

Tilman Haberer kommt dann auch direkt zur Therapie, die er “Die Chance des Weizenkorns” nennt.

Danach diskutiert er biblische Aussagen und Aufgaben und die bisherige Verteilung in der evangelischen Kirche.

Ein Schlüsselbild ist “Die Pfarrperson als Flaschenhals”.

Er zitiert Heinzpeter Hempelmann mit der Aussage “Mittelpunkt kirchlichen Lebens ist das Pfarramt” und verweist darauf, daß die Alltagsrealität der meisten Menschen in der Kirche kaum noch vorkommt.

Und dann kommt auf Seite 38 ein Vergleich mit dem örtlichen Sportverein, der gerade eine Mehrfachturnhalle baut und wo fast alles mit Ehrenamtlichen gemacht wird.

Das geht alles, wie man an den freikirchlichen Gemeinden sieht.

Es geht auch, alles in Vereinen zu organisieren, wie es in muslimischen Kreisen der Fall ist.

Spätestens hier kreisen dann die eigenen Gedanken zwischen Rückblick und Ausblick.

Für den Rückblick möchte ich den Historiker Emmanuel Todd zitieren:

“Todd: Weber erkannte 1914 kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs ganz richtig, dass der Aufstieg des Westens im Grunde auf den Aufstieg der protestantischen Welt zurückzuführen ist: in England, den Vereinigten Staaten, dem von Preußen geeinten Deutschland sowie in Skandinavien. Frankreichs großes Glück bestand damals darin, dass es geografisch mit dieser Spitzengruppe verbunden war. Der Protestantismus hatte ein hohes Bildungsniveau hervorgebracht, das es so in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben hatte. Außerdem eine universelle Alphabetisierung, weil er verlangte, dass jeder Gläubige in der Lage sein müsse, die Heiligen Schriften selbst zu lesen. Hinzu kam die Angst vor der Verdammnis und das Bedürfnis, sich als Auserwählter Gottes fühlen zu können. Das führte zu einer Arbeitsethik und einer starken individuellen und kollektiven Moral. In negativer Hinsicht allerdings auch zum schlimmsten Rassismus, den es je gegeben hat – der sich in den USA gegen die Schwarzen, in Deutschland gegen die Juden richtete – da sich der Protestantismus, mit seinen Erwählten und Verdammten, gegen die katholische Gleichheit aller Menschen wandte. Symmetrisch dazu hat nun der in letzter Zeit zu beobachtende Zusammenbruch des Protestantismus einen intellektuellen Niedergang verursacht, eine schwindende Arbeitsethik und eine allgemeine Gier der Massen. Der Aufstieg kehrt sich in den Untergang des Westens um. Diese Analyse des religiösen Elements zeugt bei mir nicht von Nostalgie oder moralisierender Klage: Es ist eine historische Feststellung. Übrigens verschwindet der mit dem Protestantismus verbundene Rassismus ebenfalls und die Vereinigten Staaten hatten ihren ersten schwarzen Präsidenten, Barack Obama. Was man nur begrüßen kann.”

Das muß man auch wissen, wenn man über Kirche von Morgen diskutiert. Damit zurück zum Buch.

Haberer führt auf vielen Seiten Beispiele für seine “16 Anfänge für das Christsein von morgen” in unserem Raum auf. Sein Buch zeigt  wie verschieden Christentum gedacht und gelebt werden kann.

Aber reicht das?

Es kommt darauf an, was man will.

Wenn ich mir z.B. die aktuelle Arbeit der evangelischen “Staatskirche” EKD anschaue, dann ist diese ja weitgehend eine parteipolitisch linksgrüne NGO (im neuen Sinne von links) geworden, die mit ihren Mitgliedern fast nichts mehr zu tun hat, sondern den noch vorhandenen Kirchen-Apparat für Parteipolitik benutzt. Dann muß man sich nicht wundern, wenn diese Form von Kirche bald sterben wird. Man stelle sich vor, dieses Engagement und die Gelder würde zur Fortentwicklung der eigenen Mitglieder und Mission eingesetzt…

Und so möchte ich die Buchvorstellung schließen mit einem Satz aus dem Buch: “Mag die Institution auch schwächer werden, die Botschaft des Evangeliums bleibt.”

Das Buch ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen.

Tilmann Haberer
Kirche am Ende
16 Anfänge für das Christsein von morgen

ISBN: 978-3-579-07196-1